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Indien

Indien ist in sprachlicher, kultureller und religiöser Hinsicht ein ungeheuer vielfältiges Land, in dem Hindus, Muslime, Sikhs, Buddhisten, Christen zum Teil seit Tausenden von Jahren zusammenleben, derzeit mehr als 1200 Millionen Menschen, davon ein Drittel Kinder. Jedes Jahr kommen 15 Millionen dazu. Trotz der gewaltigen Fläche von fast 3,3 Millionen Quadratkilometern ist das Land dicht besiedelt. In einigen Teilen Nordindiens sowie am Unterlauf des Ganges liegt die mittlere Bevölkerungsdichte inzwischen bei annähernd 1000 Einwohnern je Quadratkilometer. 23 Sprachen sind offiziell anerkannt.

Wirtschaftliche Situation

Ohne Zweifel hat seit den 90er Jahren an vielen Orten ein starkes Wachstum stattgefunden, sowohl in der industriellen und landwirtschaftlichen Produktion als auch bei den Dienstleistungen. In den Städten ist dadurch eine neue gut ausgebildete Mittelschicht entstanden, die sich zunehmend einigen modernen Wohlstand leisten kann. Und schon bald wird Indien das größte und jüngste Arbeitskräftepotential der Welt haben. Dennoch ist die Wirtschaftsleistung (BIP) pro Kopf sehr niedrig. Doch weil der größte Teil der ständig zunehmenden Bevölkerung an den beeindruckenden Fortschritten nicht beteiligt ist, zählt es weiterhin zu den Entwicklungsländern mit einem sehr geringen durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen (Weltbank 2012: Indien 5138 $, Deutschland 42700 $). Der Unterschied zwischen arm und reich ist riesig wie eh und je. In den uferlosen Slums der Städte und in den unzähligen Dörfern leidet die Bevölkerung bittere Not und hat auch heute noch kaum eine Chance auf Bildung und sozialen Aufstieg. 70 % aller Inder leben auf dem Land, meist ohne Strom und Trinkwasser und ohne sanitäre Einrichtungen. 40 % (217 Millionen) aller unterernährten Kinder in der Welt leben in Indien. Überall leidet man unter häufigen Stromausfällen. In einer vielfach veralteten Infrastruktur hat das Verkehrsaufkommen beängstigende Ausmaße angenommen. Die beiden in besonders elenden Bedingungen lebenden Bevölkerungsgruppen, die "Unberührbaren (Dalits)" und die ”Scheduled Tribes”, Indiens Urbevölkerung, machen zusammen beinahe ein Viertel der Bevölkerung aus (300 Millionen)! Für sie bleibt meist nur ein armseliges Tagelöhner-Dasein.

Soziale Spannungen

Auch wenn die Ernährungssituation seit den 1970er Jahren entscheidend verbessert werden konnte, ist noch immer mehr als ein Viertel der Bevölkerung zu arm, um sich eine ausreichende Ernährung leisten zu können. Die schlechten Lebensbedingungen im ländlichen Raum veranlassen viele Menschen zur Abwanderung in die Städte (Landflucht), was dort zu hoher Arbeitslosigkeit führt. Nur ca. 8 Prozent aller Beschäftigten stehen in einem vertraglich geregelten Arbeitsverhältnis. Fast ein Drittel der Einwohner der Millionenstädte lebt in Elendsvierteln. Dharavi in Mumbai (Bombay) ist mit mehr als einer Million Menschen der größte Slum Asiens. Schwierig ist auch die Koexistenz größerer religiöser Minderheiten mit der Mehrheit der Hindus. Die Geburt einer Tochter wird als Unglück angesehen, weil die Familien bei der Heirat eine hohe Mitgift zur Verfügung stellen müssen, die die Familien oft in den finanziellen Ruin führt. Frauen bekommen eine geringere Ausbildung, vernachlässigte medizinische Versorgung und werden unterbezahlt.

Weit verbreitete Korruption, separatistische Bewegungen, Religionskonflikte, kommunistische Anarchisten, der zunehmende Mangel an Frauen sind ungelöste Probleme. Der Druck zur Konformität innerhalb der unzähligen sozialen Gruppierungen (Kasten) ist nach wie vor stark und der religiöse Glaube spielt im Alltag eine herausragende Rolle. Wer nicht in seiner Religion, bei seiner Kaste, deren Gewohnheiten und Ritualen bleibt, muss mit drakonischen Maßnahmen rechnen: Ausschluss aus der Familie, Enterbung, physische Gewalt. In einer zunehmenden Zahl von Bundesstaaten wie Chhattisgarh, Madhya Pradesh und Gujarat steht der Wechsel der religiösen Zugehörigkeit unter Strafe.

Bildungswesen

Schulbildung für alle ist ein anerkanntes politisches Ziel. Doch der Staat investiert vor allem in die Elitehochschulen und lässt gleichzeitig die Grundschulen – vor allem auf dem Land - auf einem kümmerlichen Stand verharren. Allgemeine Schulpflicht besteht von 6 bis 14 Jahren. Während dieses Zeitraums ist der Besuch öffentlicher Schulen kostenlos. Heute werden zwar fast alle Kinder – zumindest Jungen – tatsächlich eingeschult, in den höheren Klassenstufen steigt die Zahl der Abbrecher aber stark an. Vor allem im ländlichen Raum erhalten daher viele Kinder nur eine äußerst geringe Schulbildung. Ein großer Schwachpunkt ist auch das bisher kaum entwickelte Berufsschulwesen, denn nur etwa 2 Prozent aller dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehenden Personen verfügen nach Regierungsangaben über eine berufliche Qualifikation.

Gesundheitswesen

Das Gesundheitswesen ist überwiegend staatlich, dazu gibt es zahlreiche private Krankenhäuser. Obwohl die Gesundheitsbetreuung auf dem Land verbessert wurde, insbesondere durch Erste-Hilfe-Stationen in den Dörfern, besteht noch ein großes Stadt-Land-Gefälle. In vielen Dörfern gibt es keine medizinischen Einrichtungen. Verschlimmert
wird die Lage durch schlechte hygienische Bedingungen, wie fehlender Zugang zu sauberem Trinkwasser und Sanitäranlagen, sowie Unterernährung. Ähnliche Bedingungen herrschen in städtischen Elendsvierteln. Seuchen wie Malaria, Tuberkulose und Cholera sind in manchen Regionen noch immer ein großes Problem.

Ausblick

Enorme Investitionen in Bildung, Ausbildung und Gesundheitswesen werden nötig sein, um die Arbeitsplätze, die Wohnungen und die Infrastruktur zu schaffen, die allgemein erhofft werden, und auch um das Leben in den Dörfern und Städten lebenswerter zu machen. Nur breites Wachstum kann helfen, denn 400 Millionen Inder - Männer, Frauen, Kinder, ein Drittel aller Armen der Welt – leben immer noch in Armut. Und für viele, die in den letzten Jahren der Armut entronnen sind, ist es keinesfalls sicher, ob dies so bleibt. Denn aufgrund des weiteren Wachstums der Bevölkerung – jährlich rund 15 Millionen dazu – ist in manchen Gebieten Indiens die Zahl der Armen während des letzten Jahrzehnts sogar noch gestiegen.
Indien steht vor gewaltigen Herausforderungen bei der Armutsbekämpfung und in der Bildungs- und Infrastrukturentwicklung. 33 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze von 1,25 US-Dollar pro Kopf und Tag. Rund 70 Prozent haben weniger als 2 US-Dollar pro Tag zur Verfügung (2010). Auf dem Human Development Index der UNO (2013) steht Indien auf Platz 136 unter 186 erfassten Staaten. Während es weltweit die meisten Millionäre und Milliardäre beheimatet, liegt Indien bei vielen Sozialindikatoren deutlich unter den Durchschnittswerten von Subsahara-Afrika. Die erhofften massiven Beschäftigungseffekte des Wachstums sind bislang ausgeblieben.

(Quellen: Weltbank, World Book of Facts, US-Wikipedia, Auswärtiges Amt, Bundesanstalt für Politische Bildung, National Family Health Survey (India 2007) u.a.)