Mottur

Mottur
Hoffnung für Menschen auf dem Friedhof
mottur

Die Stadt Vellore im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu ist Standort zahlreicher prominenter Firmen und Industrien. Aber hinter seinen lebhaften Geschäftsvierteln verstecken sich manche Elendssiedlungen. Eine davon ist ein lebender Friedhof namens Mottur – eine kleine Slum-Gemeinschaft, zu der ca. 100 Personen gehören. Diese bewohnen tatsächlich nicht nur einen Landstreifen, der früher ein Friedhof war und werden deshalb als unrein und verfl ucht betrachtet, nein, auch ihr täglicher Broterwerb erweist sich in gewisser Weise als lebendige Hölle. 

Werfen wir z.B. einen Blick auf die Familie Kirubakarans (40) und seiner Frau Caroline (35). Sie leben mit ihren drei Töchtern Mahalakshmi (13), Rekha (11) und Priya (9) in einer aus Abfallpapier, Plastik und zerfallenen Backsteinen zusammengefl ickten Hütte. Sie bietet einen einzigen, winzigen Innenraum, in dem alle fünf Familienmitglieder kochen, essen, schlafen – die Kinder ihre Hausaufgaben machen und die Eltern arbeiten. Das löchrige Dach gewährt längst keinen ausreichenden Schutz mehr vor der brütenden Hitze und dem nun bald einsetzenden Monsunregen. Ungeziefer aller Art fi ndet mühelos seinen Weg durch ihr ‚Zuhause‘.

Als der örtliche Inter-Mission Partner WHEEL der Familie zum ersten Mal begegnete, waren alle sehr krank und schliefen auf der blanken Erde, lediglich ein Stück Karton diente als Bett. WHEEL besorgte ihnen Decken, Kleidung, Grundnahrungsmittel und kümmerte sich um ärztliche Versorgung. Diese jedoch ergab besorgniserregende Diagnosen. Abgesehen von seiner offensichtlichen Unterernährung war Kirubakaran sehr schwächlich, hatte fortgeschrittenen Muskelschwund und eine chronische Atemwegserkrankung. Dieser Zustand machte ihn arbeitsunfähig, an eine geregelte Beschäftigung war gar nicht zu denken.

Bei Caroline wurde eine Herzerkrankung festgestellt, welche regelmäßige ärztliche Betreuung sowie monatlich ca. Rs. 700 (EUR 10) Medikamentenkosten erforderte. Die Ursachen beider Erkrankungen wiederum waren für die Ärzte keine Überraschung: Die Herstellung von „Beedis“, der die Bewohner Motturs seit Generationen nachgehen.

„Beedis“ sind billige, handgerollte Zigaretten, die sowohl exportiert als auch vor Ort selbst verkauft werden. Die Großhändler und Firmeninhaber machen damit mehrere Hundert Millionen USD Gewinn im Jahr. Diejenigen jedoch, die die Beedi-Blätter verarbeiten, erhalten dafür lediglich magere Rs. 100–150 (EUR 1.50–2.00) am Tag, kaum genug für den minimalsten Lebensunterhalt. Und sie setzen sich den Gesundheitsrisiken beim manuellen Verarbeiten von Tabak ungeschützt aus. 

Mittlerweile hat man sich an diese Arbeit gewöhnt, kaum einer versucht etwas anderes, und das niedrige Bildungsniveau zusammen mit dem schnellen körperlichen Verfall überlässt diese Familie dem endlosen Kreislauf aus Armut und Krankheit.

Unter den gegebenen Voraussetzungen wären die Zukunftsaussichten für Kirubakaran und seine Familie, aber auch für die ganze Slum-Gemeinschaft, recht düster – wenn nicht die Partner der Inter-Mission damit begonnen hätten, Starthilfe zu geben und auch Carolines monatliche Arzneikosten zu tragen. Darüber hinaus richteten sie im Slum eine Sonntagsschule ein und führten ein Camp in den Sommerferien durch.

Inzwischen konnte Inter-Mission Deutschland zusammen mit WHEEL weitere Initiativen unternehmen, um der Familie und der ganzen Gemeinschaft nachhaltig zur Seite zu stehen. Dank der Hilfe von zwei Spendern wurde anstelle von Kirubakarans Hütte ein kleines, stabil und regensicher gebautes 1-Zimmer-Haus mit sanitären Einrichtungen gebaut. 

Darüber hinaus konnten wir vor wenigen Monaten mit einem nachhaltig ausgerichteten Slum-Entwicklungsprojekt beginnen, in dem die Förderung von vorerst 40 Kindern im Vordergrund steht. Denn es geht uns nicht nur um eine bessere Lebensqualität jetzt, sondern um neue Lebensperspektiven für die jüngere Generation – und ihre Nachkommen!