Bihar im Winter 2015/2016

Bihar im Winter 2015/2016
Niedrige Temperaturen – grosse Not
Niedrige Temperaturen – grosse Not
Jonas Wülser
Jonas Wülser
Volontär aus Deutschland

Welches Bild hat man in Kopf, wenn man an Indien denkt. Viele Menschen? Männer, die im Tempel eine Holzfi gur anbeten? Arbeiter in brütender Hitze? Oder Kinder, die sich freuen, weil sie gerade eine kleine Tafel Schokolade bekommen haben? Ich weiß nicht, was Sie vor Augen haben, aber sicherlich nicht, dass hier in Bihar (Nordindien) gerade tiefster Winter herrscht mit Tagen, an denen die Sonne oft nur ein bis zwei Stunden zu sehen ist. Das hatte ich nicht erwartet, als ich beim Vorstellungsgespräch mit Peter Arndt im August lachte und meinte: „Indien und kalt?“ Aber nachdem ich seit Oktober hier in Purnia (Bihar) bin, ist der Winter doch krasser als gedacht. Eine freiwilliges halbes Jahr in Indien stellte ich mir als einen Winter im T-Shirt vor, wurde aber schnell eines Besseren belehrt.

Hier auf dem NIEA Campus werden der Englischunterricht, den ich gebe, und alle anderen Fächer wegen der Kälte um eine oder manchmal auch zwei Stunden nach hinten verschoben oder meine Schüler kommen wegen „Kältefrei“ gar nicht zum Computer-Unterricht. Temperaturen von 5 bis 15 Grad Celsius sind für manche Orte in Europa nicht sehr kalt, doch dort sind die Häuser meist gut isoliert und man besitzt warme Winterkleidung.

Hier im Norden Indiens liegen die Temperaturen trotz des kalten Winters im übrigen Jahr bei 30 - 40 Grad und Häuser und Kleidung sind diesen Bedingungen angepasst. Eine gute Isolierung ist dann unnötig, wichtiger sind viele Fenster, aus denen in der Nacht die Wärme entweichen kann. Auch die Strohhütten der meisten Menschen in den Dörfern reichen für das heiße Wetter komplett aus, bieten allerdings gegen Kälte keinen Schutz. Die Dorfbewohner tragen während des ganzen Jahres dünne T-Shirts, ein Tuch als Hose und Flip-Flops. Mehr braucht man im Sommer auch nicht, im Winter aber schon. Für warme Kleidung fehlt jedoch oftmals das Geld. Bei der Arbeit in der Apotheke des christlichen Krankenhauses der Mission NIEA fällt mir auf, dass in dieser Zeit fast drei Mal so viel Hustensaft wie sonst verschrieben wird.

Wie reich wir in Deutschland sind, wird mir erst richtig klar, als ich erlebe, was arm sein wirklich bedeutet. So arm zu sein, dass man sich nicht einmal eine Decke für den Winter leisten kann!

Der Bericht eines Mitarbeiters der Mission NIEA (New India Evangelistic Association) zeigte mir, wie es knapp zwei Kilometer von unserem geschützten und warmen Zuhause aussieht. Als er vor einigen Tagen mit seiner Frau im Auto unterwegs war, fiel ihnen ein 6-jähriges Mädchen mit einem Neugeborenen auf dem Arm auf. Beide trugen nur dünne Kleider, jedoch nichts, das sie bei unter 10 Grad etwas wärmen konnte. Sie hielten an und stiegen aus, um zu fragen, wo das Mädchen denn wohne. Das verängstigte Kind lief weg, doch sie folgten ihm, bis es hinter einem mit Tüchern und Papier bedeckten Holzgestell verschwand. Bestürzt kehrten sie zurück zum Campus und organisierten rasch Decken, Schals und Kleidung, brachten sie der Familie des Mädchens und beteten schließlich noch für die dankbaren Familienangehörigen. 

‡Rudi Stebner, der von der Inter-Mission nach Nordindien entsandt wurde und dort lebt, erzählte mir folgende Begebenheit: „Kurz vor Weihnachten 2015 fuhr ich mit zwei Mitarbeitern in das Dorf Kurmi Tola, um 50 Decken zu verteilen. Die ärmsten Familien im Dorf waren zum Zentrum des Dorfentwicklungsprojekts gebeten worden. Als ich diese Menschen sah, wurde ich von Mitleid ergriffen. Sie trugen Flip-Flops oder gingen barfuß und waren mit zerrissenen Lumpen bekleidet. In ihren Gesichtern und Stimmen kam ihr ganzer Schmerz zum Ausdruck. Jedem überreichten wir eine Decke mit der Bemerkung „Jesus liebt dich!“ Die sonst relativ kalte, gleichgültige Haltung der Dorfbewohner schlug um in Dankbarkeit und Freude. 

Als die mitgebrachten Decken verteilt waren, entdeckte ich eine wartende Menschenmenge vor dem Tor des Missionsgeländes. Uns allen wurde sofort klar: „Wir brauchen noch viel mehr Decken!“ Bald darauf verteilten wir noch hunderte Decken, Schals und Pullover in verschiedenen Dörfern und verkündeten so die Liebe Jesu in Wort und Tat.“

Die Bedingungen in der Winterzeit im Nordosten Indiens sind für viele Menschen nur schwer zu ertragen. Da Bihar kaum Wälder hat, mangelt es an Feuerholz. Als Alternative verbrennen die Dorfbewohner neben nassen Ästen und Laub oftmals auch Müll.

Dazu erklärte mir Dr. Alex Philip (Leiter von NIEA und des Krankenhauses in Purnia), dass in der Kältezeit fast doppelt so viele Menschen mit Asthma behandelt werden als sonst.