Vom Traum zur Wirklichkeit

Vom Traum zur Wirklichkeit

In den gegenwärtig sieben Community Colleges von IID finden jährlich mehrere Hundert junger Leute aus mittellosen Familien eine Job orientierte berufliche Ausbildung. Das Verständnis, die liebevolle Zuwendung und die christliche Charakterbildung sind dabei besondere Zugaben, die junge Menschen in Indien sonst selten finden. Hier erzählt Anitha ihre Geschichte: „Er sagte, ich sei eine Tochter, die zu nichts taugt“, erzählt Anitha mit leiser, zitternder Stimme. Tränen rinnen ihr über das Gesicht, als sie sich an die Worte ihres Vaters vor zwei Jahren erinnert. Sie hält inne, wischt sich die Tränen ab, schaut dann auf und lächelt mich an: „Ich habe das Gegenteil bewiesen und das verdanke ich diesem College, den Mitarbeitern und meinen Freunden hier.“ Als Anitha aufwuchs, kannte sie nur Elend und doch war sie unbeirrt in ihrem Wunsch, Krankenschwester zu werden. Ihre Mutter arbeitete als Reinigungskraft in einem Krankenhaus und erzählte daheim oft, wie die Krankenschwestern die Patienten aufmunterten. Anitha liebte diese Geschichten, sie gaben ihr Kraft.

Ihre Lehrer sahen in der aufgeweckten, fleißigen Schülerin das Potential für eine vielversprechende Zukunft. Kurz vor den Abschlussprüfungen erreichten die Auswirkungen der Alkoholsucht ihres Vaters jedoch einen Höhepunkt. Nachts tobte er, misshandelte und beschimpfte ihre Mutter, die Schwester und sie selbst. Abgesehen von dem emotionalen Trauma, das der Missbrauch mit sich brachte, ging sie auch noch völlig unvorbereitet in ihr Abschlussexamen.

Sie war todunglücklich aber nicht überrascht, dass sie bei den Prüfungen durchfiel. Der Traum, einmal als Krankenschwester zu arbeiten, schien sich vor ihren Augen in Luft aufzulösen.

Monate vergingen und der Gedanke, dass ihr Schicksal besiegelt sei, machte sie schwermütig. Es war eine Freundin, die sie auf das IIDA Community College in Aminjikarai, Chennai, aufmerksam machte: „Das könnte genau das Richtige für dich sein – sie nehmen Schüler auf, die ansonsten nur wenig Aussichten haben.“ Widerwillig füllte Anitha das Aufnahmeformular aus und wurde angenommen. Bestärkt hat sie in dieser Zeit die Aufmunterung und Beharrlichkeit ihrer Mutter, die einfach nicht tatenlos zuschauen wollte, wie ihre Tochter sich dem Kummer und der Verzweiflung ergab.

Anitha erinnert sich lebhaft an ihre erste Stunde bei IID. Die Lehrerin, die in der Begrüßungsversammlung zu den Studenten sprach, strahlte Wärme und Freundlichkeit aus. Anitha hatte das Gefühl, sie spreche direkt zu ihr, als sie sagte, dass das College ihr zweites Zuhause sein werde. Hier werde sie nicht nur für einen Beruf ausgebildet sondern lernen, sich als Mensch insgesamt weiterzuentwickeln und die Welt aus dem Blickwinkel der Barmherzigkeit zu verstehen. Anitha berichtet: „Die Liebe war wie ein Magnet, und genau diese Liebe hat mich in den eineinhalb Jahren im College inspiriert und motiviert!“ Sie beendete ihr erstes Jahr bei IID mit Bravour und hat jetzt ein Betriebspraktikum im Noble Hospital in Chennai begonnen, wo sie als Pflegehelferin auf der Intensivstation arbeitet. „Es macht mich glücklich, morgens mit dem Gedanken aufzuwachen, dass ich etwas Neues lernen werde“, sagt sie.

Diesmal sind es Freudentränen, die über Anithas Gesicht rinnen, als sie daran denkt, wie ihre Mutter am Anfang des zweiten Collegejahres bei einem Gespräch mit der Direktorin verkündete: „Meine Tochter hat sich so verändert! Danke, dass Sie ihr geholfen haben, das Beste aus sich zu machen!“ Anithas Traum ist nun eine zum Greifen nahe Realität: „Ja, jetzt bin ich fast Krankenschwester, aber wenn ich fertig bin, möchte ich am liebsten zurückkommen und für das IID College arbeiten, damit ich anderen Schülerinnen helfen kann, noch bessere Krankenschwestern zu werden als sie es für möglich halten! Ich möchte die ganze Zeit von dieser Atmosphäre der Liebe umgeben sein und mithelfen, dass sie wächst und sich ausbreitet!“